Außergewöhnliches Quartier mit außergewöhnlichem Namen: Das historische Kieler Stinkviertel ist ein lebendiger und nachgefragter Ort zum Wohnen und Leben. Hier befinden sich auch unsere ältesten Gebäude, die noch aus der Gründerzeit unserer Genossenschaft zu Beginn des letzten Jahrhunderts stammen. Um die Häuser langfristig und nachhaltig zu erhalten, wurden diese im Laufe der Jahre immer wieder instandgesetzt und den Anforderungen der Zeit angepasst. Eine ganz besondere Maßnahme befindet sich aktuell in der Umsetzung: Mit dem schrittweisen Austausch der Fenster aller 230 Wohnungen wird nicht nur die energetische Bilanz der Gebäude deutlich verbessert, sondern auch das historische Erscheinungsbild der denkmalgeschützten Fassaden wiederhergestellt. Auch die straßenseitigen Balkone werden denkmalgetreu erneuert. Wir begleiteten Bauleiter Ralf Strzalka bei einem Gang über die Baustelle.
Es ist ein trüber, aber trockener Novembertag. bgm-Bauleiter Ralf Strzalka schwingt sich aufs Fahrrad, um sich direkt vor Ort ein Bild vom Fortschritt der Großinstandhaltungsmaßnahme im Stinkviertel zu machen. Dass hier an den historischen Gebäuden gearbeitet wird, ist bereits von weitem an den Baugerüsten zu erkennen, die einen Teil des Karrees Gutenberg-, Maßmann-, Klotz- und Howaldtstraße einschließen. Am Straßenrand stehen Fahrzeuge von Handwerksbetrieben, ebenso ein großer Container für Bauschutt.

Die erste Station führt uns gleich hoch hinaus auf das Baugerüst. Vorbei an zwei Handwerkern, die gerade in einer der Wohnungen mit dem Einbau der neuen Fenster beschäftigt sind, soll es fast bis auf Höhe des Daches gehen. „Das Einbauen aller neuen Fenster in einer Wohnung dauert in der Regel einen Tag“, erklärt Strzalka. In Ausnahmefällen, beispielsweise bei besonderen baulichen Gegebenheiten, seien manchmal auch weiterführende Arbeiten von Malern oder Maurern vonnöten. Dass alte Fenster in dem großen genossenschaftlichen Wohnungsbestand der bgm ausgetauscht werden müssen, kommt regelmäßig vor. Und doch ist die Maßnahme im Stinkviertel etwas ganz Besonderes. Denn bei den neuen, straßenseitigen Fenstern handelt es sich um Holzfenster, die mithilfe von Originalplänen und in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutz hergestellt wurden, um das historische Erscheinungsbild der über einhundert Jahre alten Gebäude wiederherzustellen.

„Für unsere Mitglieder bedeuten neue Fenster erst einmal eine Verbesserung der Energiebilanz“, erklärt Strzalka. Denn die Fenster sind nach modernen Standards gefertigt und weisen naturgemäß im Gegensatz zu manch einem der in die Jahre gekommenen Vorgänger keine Alterserscheinungen wie Undichtigkeit auf. Auch sind Holzfenster bei entsprechender Pflege äußerst langlebig und können die Nutzungsdauer ihrer aus Kunststoff gefertigten Gegenstücke deutlich überschreiten. „Und dann sind die neuen Fenster natürlich optisch sehr ansprechend.“ Die neuen Fenster sind kleinteiliger konstruiert, weisen nun auch Sprossen auf und sind dunkelbraun. Über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten, doch die positive Auswirkung auf den Gesamteindruck des Quartiers wird besonders deutlich, wenn man sich die Fassade aus einigen Metern Entfernung ansieht. Dort, wo bereits fertige auf noch nicht begonnene Abschnitte treffen, tritt der optische Unterschied zwischen den neuen Holz- und den alten Kunststofffenstern deutlich zutage. Die Fassaden der historischen Gebäude – so möchte man sagen – atmen wieder mehr Geschichte, und fast fühlt man sich in Gedanken um 125 Jahre zurückversetzt, als Kiel zur Großstadt wurde und die Gründerväter der Genossenschaft ihre Ideen von gutem und bezahlbarem Wohnraum in die Tat umsetzten.

Mittlerweile sind wir oben angekommen und stoßen auf ein weiteres Zeugnis der langen Geschichte des Wohnquartiers: Die „Spinnerin“, eine Skulptur, die eine Mutter mit Kind und Spinnrad darstellt, thront hoch oben an der Hausfassade unter einem Baldachin und ist so etwas wie das Wahrzeichen des gesamten Wohnblocks. Aus nächster Nähe betrachtet wird schnell deutlich, dass auch an ihr der Zahn der Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist und sich Risse in der Oberfläche gebildet haben. Auch die fachmännische Reparatur solcher Fassadendetails ist Teil der umfangreichen Instandhaltungsmaßnahme im Viertel. Ebenso das Ausbessern schadhafter Stellen der hölzernen Giebelverkleidung, an der wir nun vorbeikommen. Die äußeren Umwelteinflüsse haben auch hier ihren Tribut gefordert und an einigen Stellen das Holz verwittern lassen. Auch hier, so erklärt Strzalka, werden die schadhaften Stellen von Fachfirmen ausgebessert. „Wo möglich, wird die alte Bausubstanz erhalten. Es handelt sich hier oft noch um die ursprünglichen Eichenbohlen aus der Erbauungszeit des Gebäudes.“

Wieder am Boden angekommen führt Strzalka einige Telefonate und Abstimmungsgespräche mit den ausführenden Handwerkern vor Ort – auch das ein wesentlicher Teil seiner Arbeit als Bauleiter. Einem der Maurer können wir nun dabei über die Schulter blicken, wie Teile der alten Backsteinfassade saniert und rekonstruiert werden. Mit einem speziellen Mörtel, der auf den Farbton der Ziegel abgemischt wird, werden die abgesplitterten Stücke der schadhaften Steine nachgebildet, indem zunächst der Mörtel aufgetragen und dann in Form gebracht wird. Eine Arbeit, die ein gutes Auge und eine ruhige Hand erfordert. Das Ergebnis überzeugt, denn die ausgebesserten Stellen fügen sich fast nahtlos in das Gesamtbild der Fassade ein und lassen diese wieder neu zur Geltung kommen.

Ein großer Teil dieses ersten Bauabschnitts ist bereits abgeschlossen, einige Arbeiten, so erzählt Strzalka, erstrecken sich noch über den Jahreswechsel bis ins nächste Jahr. Dann, im kommenden Jahr, beginnen auch die Arbeiten am nördlichen unserer beiden Karrees innerhalb des Stinkviertels, welches von der Klotz-, Maßmann-, Howaldt- und Krausstraße eingefasst wird. Damit auch hier die historischen Häuser bald in neuem Glanz erstrahlen.
Übrigens: Interessante Hintergrundinfos zu den Sanierungsarbeiten im Stinkviertel gibt es auch in der aktuellen Folge unseres bgm-Podcasts. Zu hören bei Spotifiy oder direkt hier auf unserer Homepage.












